Wie Vater und Sohn

Schachtschneider Automobile | Ketzin

Dezember 2017: Ein junger Kameruner bewirbt sich um eine Ausbildungsstelle im Autohaus Schachtschneider in Ketzin. Für beide Seiten ungewohntes Terrain. Die Erfahrungen sind so gut, dass der Betrieb weitere Geflüchtete einstellt.

„Wir suchen dich“: Seit einem Dreivierteljahr hängt das Schild am Eingang des Autohauses Schachtschneider in Ketzin. Gesucht werden junge Leute, die eine Ausbildung als Kfz-Mechatroniker(in) oder Fachkraft für Lagerlogistik machen wollen. Die Reaktionen? Gleich null.

„Der Fachkräftemangel schlägt bei uns voll durch“, erklärt Matthias Grüll. Er leitet das „Räderhotel“ des Opel-Vertragshändlers, einer Lagerhalle, in der 2800 Sommer- bzw. Winterreifen eingelagert werden. Zu tun gäbe es genug im „Räderhotel“, genau wie in den anderen drei Filialen des Autohauses, die sich in Potsdam, Beelitz und Glindow befinden. Das Problem: Es wird immer schwieriger, einheimische Kandidatinnen und Kandidaten zu finden.

Dass Patrick sich im Dezember 2017 für eine Ausbildungsstelle bewarb, stellte sich als Glücksfall für beide Seiten heraus. Der 32-jährige Kameruner kam von sich aus auf das Autohaus zu – für den Familienbetrieb damals Neuland. „Wir haben ihm ein vierwöchiges Praktikum angeboten, um zu sehen, wie es klappt“, erinnert sich Matthias Grüll. Damals betrieb das Autohaus noch ein Lager für Ersatzteile, die bundesweit verschickt wurden. „Patrick bekam die Aufgabe, die Teile aus dem Lager zu greifen“, erinnert sich sein Ausbilder Grüll. „Er hat sich dabei sehr gut angestellt.“

Inzwischen ist der junge Mann ein fester Bestandteil der Belegschaft. Jeden Tag holt er knapp 200 Räder aus dem Lager oder bringt sie hinein. „Drei Sätze passen in ein Regal“, sagt Patrick, der mittlerweile gut Deutsch spricht. „Außer bei den 19-Zoll-Reifen. Die sind größer.“

War Matthias Grüll anfangs noch unerfahren in der Zusammenarbeit mit Geflüchteten, sind er und sein Schützling inzwischen unzertrennlich. Matthias Grüll, der vom Alter her Patricks Vater sein könnte, hat sich mit der Fluchtgeschichte seines Azubis befasst. Er weiß, dass der junge Mann mehrere Familienmitglieder verloren hat, ermordet aus politischen Gründen. „Das macht einen schon traurig“, sagt Matthias Grüll. „Natürlich will man da helfen.“

Als Team haben die beiden schon viel geschafft: Als es Ärger mit Patricks Asyl-Antrag gab, setzte sich sein Ausbilder beim Bundesamt für Migration für ihn ein. Als das Teile-Lager des Autohauses schloss, kämpfte er dafür, dass sein Azubi seine Stelle behalten und ins Räderhotel wechseln durfte. Die Erfahrungen, die Matthias Grüll mit dem Lehrling gemacht hat, sprechen für sich: Er kommt jeden Tag pünktlich zur Arbeit, per Bus aus Potsdam, 25 Kilometer pro Strecke. „Patrick bringt sehr viel Motivation mit, das ist uns wichtig“, sagt Matthias Grüll. Wenn es mal nicht weitergeht, kann sich sein Arbeitgeber auf die Unterstützung und Beratung von bea-Brandenburg verlassen. Dies war zum Beispiel bei der „Beschäftigungserlaubnis zum Zwecke der Aufnahme einer qualifizierten Berufsausbildung“ von Patrick der Fall. Was sich kompliziert anhört, ist es manchmal auch. Die bea-Brandenburg half bei der Kommunikation mit der Ausländerbehörde und stellte den Kontakt zu relevanten Anlaufstellen wie der Migrationsberatung her.

„Die Aufnahme einer Ausbildung ist ein entscheidender Schritt für Geflüchtete und Ausbildungsbetriebe. Es ist wichtig, dass Betrieb und Auszubildender vorab gut informiert sind“, erklärt Dr. Roya Moghaddam, Betriebsberaterin und Sprachmittlerin bei der bea-Brandenburg.

Dank der guten Erfahrungen ist Patrick E. inzwischen nicht mehr der einzige Geflüchtete, der in dem mittelständischen Betrieb arbeitet. Auch andere junge Leute aus Syrien, Kenia und Kamerun unterstützen die Belegschaft. „Es ist wichtig, diesen Menschen eine Zukunft zu geben“, findet Matthias Grüll. „Unterkunft und Verpflegung, das reicht nicht. Ein guter Job ist die beste Integration.“

Fotos: © f-bb/ Anna Weise

 

 

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